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6 Monate später

Deutschland, Mitte Januar 2016. Nachdem die letzten Monate für die Jahreszeit sehr warm (und entsprechend angenehm waren) hat nun der Winter mit Eis und Schnee zugeschlagen. Sonst ist alles beim Alten. Das Dschungelcamp läuft im Fernsehen, wie seit Jahren im Januar. Der Unterschied ist: Zum letzten Mal habe ich es 2014 angeschaut, bevor ich meine Reise nach China angetreten habe. Am 28. Januar 2014. Das ist nun fast 2 Jahre her. Nach China ging es weiter nach Australien. Das Land des Dschungelcamps ist mir nun vertraut und kein fernes Ziel am anderen Ende der Welt mehr.

Auch sonst hat sich einiges geändert. Ich habe mich verändert, aber auch mein Heimatland und die Umstände. Überhaupt scheint die Welt aktuell Kopf zu stehen.

Unbeschwert und glücklich sind mein Mann und ich nach unserer Australienrundreise im August 2015, die das Ende meines Aufenthalts in Down Under markierte, nach Deutschland aufgebrochen.

Wir waren wieder zusammen, das war die Hauptsache. Über einen Stop-Over in Peking ging es mit der Leichtathletik-Nationalmannschaft zurück nach Hause. Deutschland empfing uns mit Sonnenschein. Dunkle Wolken waren aber schon im Anmarsch.

Zurück ging es  in unser altes Leben, die bisherige Wohnung, der gleiche Arbeitgeber, die gewohnten und lieben Menschen rund herum. Aber von Anfang an war klar: Das alte Leben passte nicht mehr wirklich zu uns - wie nach einem Wachstumsschub.

Ich kann mich gut an den ersten Spaziergang nach der Landung erinnern. Mein erster Impuls war: Weglaufen. Wie eng und kleinkariert das alles war! Die Nachbarn, Häuser, Eigenarten: Nichts hatte sich verändert, alles war gleich! Ganz schrecklich.

Auf der anderen Seite ging es Schlag auf Schlag: Kaum in Deutschland angekommen, wurden die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet. Menschenmassen strömten unablässig ins Land. Unaufhaltsam. Außer Jubel nichts gewesen. Teils hatte man den Eindruck, das Land hätte seinen Verstand verloren. Es gab keine Strategie, keinen Plan. Kein „Ja, aber… .“. Alles außer „Herzlich Willkommen“ war unerwünscht und kritische Gedanken verboten. Mundtot in Deutschland?!

Kurz danach dann die VW-Krise, der Abgasskandal war in aller Munde. Der nächste Dämpfer, der uns als Familie nach unten zog, auch wenn es keine direkten Auswirkungen hatte. Noch. Danach ging es direkt weiter: Anschläge in Paris, Übergriffe von Ausländern auf Frauen in der Silvesternacht in ganz Deutschland. Ohnmacht und Wut waren die Folge. Aber auch Hilflosigkeit gepaart mit der Frage: Was nun?

Im September machte ich das, was ich mir vorgenommen hatte: Freunde, Familie und Bekannte besuchen und Kontakte wiederaufleben lassen. Die Rückkehr ermöglichte mir auch, Abschied von meinem Opa zu nehmen, der im August verstorben war. Weiterhin hieß es: Ausmisten, Papierkram, Investitionsstau lösen und die Wohnung auf Vordermann bringen. Mitte September unterschrieb ich dann auch meinen Arbeitsvertrag und ab Oktober hieß es: Zurück ins Glied.

Es kam unverhofft, ich bin ohne konkreten Job in Aussicht aus Australien abgereist. Auf der einen Seite war ich unschlüssig, ob der Job überhaupt das ist, was ich will. Auf der anderen Seite freute ich mich sehr auf liebgewonnene Kollegen und wieder Teil eines funktionierenden Teams zu sein.

Gut war auch, dass mir der Job Struktur gab und es so einfacher machte, wieder in Deutschland anzukommen. Vom eigenen Gehalt und der damit verbundenen Unabhängigkeit mal ganz abgesehen.

Obwohl ich ja nicht allzu lange im Ausland war, gab es das ein oder andere Erlebnis, was mich nach der Rückkehr schmunzeln ließ: Die Vögel waren erstaunlich leise, statt ohrenbetäubendem Magpie-Geschrei am Morgen übernahm die Amsel den Weckgesang, was weitaus melodischer war. Obwohl ich in Australien nie Auto gefahren war, ordnete ich mich hier links im Verkehr ein. An Stammplätzen der Blitzer bremste ich wiederum automatisch, obwohl ich die Strecke lange nicht gefahren war.

Apropos fahren: Das war eine Umstellung! Vom Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel im Ausland zurück zum Pendler, mit 1.000 km die Woche. Nach wie vor sehr kräftezehrend.

Im Oktober und November nahmen wir dann nach und nach unsere Routinen wieder auf, im Job wie privat. Der Dezember stand dann üblicherweise ganz im Zeichen des vorweihnachtlichen Wahnsinns. Irgendwie erschreckend, wie schnell der alte Trott bei besten Vorsätzen wieder Überhand gewinnt. Einige positive Errungenschaften konnten wir bislang beibehalten. Allen voran: Laufen und gesündere Ernährung.

Genauso schnell ist man wieder genervt und erschöpft vom Alltag. Und das nach so kurzer Zeit! Ich vermisse die Höflichkeit der Australier. In Deutschland reagiert nach wie vor oft die Macht des Ellbogens. Wobei man hier ähnlich wie in Chinas „Inner Circle“ auch viele menschliche Momente erlebt.

Wir versuchen, uns so viel Neugierde wie möglich in den Alltag zu retten und Neues auszuprobieren, so wie wir es im Ausland auch gemacht haben. Allerdings stößt man im vertrauten Umfeld schnell an seine Grenzen. Viele weiße Flecken gibt es in der Heimat einfach nicht zu entdecken.

Dafür gehen wir wieder aus, in Konzerte und Restaurants. Treffen Freunde, die wir lange nicht gesehen haben aber pflegen auch Kontakte in Australien und China. Und auch das Reisefieber lässt uns nicht los. Silvester haben wir auf Sylt verbracht, um zumindest ein bisschen frischen Wind (im wahrsten Sinne des Wortes) in unser Leben zu bringen.

Das ist gelungen! Wir haben einige nette Bekanntschaften geschlossen und gute Gespräche geführt. Unsere im Ausland geschulte Offenheit kommt uns dabei zu Gute und auch hier gibt es zum Glück aufgeschlossene Menschen.

Unsere Partnerschaft hat sich auch wieder erholt. Sie war nie wirklich gefährdet. Aber eine Umstellung war es schon meinen Mann wieder täglich zu sehen und nicht nur im Urlaub. Da kommt auch das Gegenteil der Schokoladenseite zum Vorschein, was völlig normal ist aber dennoch eine Veränderung.

Wir sind wieder angekommen und es ist gut hier. Allerdings stehen wir nach wie vor mit einem Fuß in der Tür und sehnen uns nach neuen Abenteuern. Mal sehen was 2016, außer der Renovierung des Elternhauses meines Mannes, mit sich bringt.

Wir hoffen auf Abwechslung im grauen Alltag und verfolgen die Entwicklungen um uns herum zunehmend mit Unbehagen. Should I stay or should I go now?

Man weiß erst im Nachhinein, ob es richtig war. Der Mensch wächst mit seinen Herausforderungen.

Ein Jahr zwei Sommer – ich bereue keinen Moment!

28.1.16 20:23

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